Interview mit Heinz Stücke


Heinz Stücke:

Ein beeindruckendes Treffen

Grauer Himmel, Nieselregen. Sonntagnachmittag in einer badischen Kleinstadt. Zusammen mit Axel Brümmer und Peter Glöckner vom Weltsichten Festival kam Heinz Stücke zu einem Vortrag nach Bühl. Ich nahm die Gelegenheit wahr endlich die Fahrradlegende Heinz Stücke für ein Interview zu treffen.

Mit einer Liste von Fragen traf ich etwas früher ein.

Schon vor einigen Jahren hörte ich das erste Mal von dem Langzeit-Weltumradler. Dass er in seinem Heimatland Deutschland kaum bekannt ist, liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass er 52 Jahre lang keinen Fuß (oder Rad) dorthin gesetzt hat.

Ich erkannte ihn sofort. Obwohl er der „Größte“ unter den Radreisenden ist, ist er von der Statur aus eher klein und verschwand beinahe hinter seinem Büchertisch.

Kurz stellte ich mich vor und wurde gleich sehr freundlich und einladend hinter den Tisch zu ihm gebeten. Meine Fragen konnte ich eingepackt lassen. Wie es unter Reiseradlern ist, ergab sich innerhalb kürzester Zeit ein interessantes Gespräch. Und Heinz Stücke scheint sehr gerne zu reden.

Angefangen hatte er mit „kleineren“ Touren, nach Indien und um das Mittelmeer, bis er auf Nimmerwiedersehen im November 1962 endgültig verschwand – kurz bevor ich geboren wurde.

Was bedeutet für ihn Reisen

„Zu reisen heißt, etwas voneinander zu lernen, sich kennenzulernen, einander zu respektieren und – wenn möglich – Freundschaften zu schließen.“

Besser kann man es nicht ausdrücken. Und Heinz Stücke hat sehr viele Freundschaften geschlossen. Tausende von Postkarten hat er verschickt. Kein Wunder, dass er nie Heimweh hatte.

Er kann nicht sagen, wo es nun am Schönsten war. Das kommt ganz darauf an, unter welchen Aspekt man das sieht. Er war auch nicht auf der Suche nach dem Paradies.

Er fährt durch die Länder mit einer positiven Einstellung und erwartet das auch von der Bevölkerung ihm gegenüber.

„Man kommt durch verschiedene Kulturen, mit verschiedenen Gewohnheiten. Als Fremder kann man mitmachen und akzeptieren. Vor allem in China kann man sich nicht daran gewöhnen.“

Die verheerende Anzahl der Kinder tut er mit „unakzeptabel“ ab.

„Es ist das Unbekannte hinter der nächsten Kurve, was mein Rad bewegt“, und so kommt ein Kilometer nach dem anderen, bis es mehrere tausend sind

Er fährt nicht, um fit zu werden, das ist er mittlerweile sicherlich 😉 . 12.000 Kilometer pro Jahr möchte er schon fahren.

Er spricht Englisch und Spanisch. Französisch geht mittlerweile auch, nur mit dem Deutsch hätte er nun Probleme. Davon habe ich, nachdem er wieder einige Monate in Deutschland ist, nichts mehr bemerkt.

Auch er sieht die Vorteile des „Alleine Reisens“. Du kannst Deine eigene Geschwindigkeit bestimmen, kannst aber auch niemanden beschuldigen. Der Kontakt mit Einheimischen ist schneller hergestellt und es ergeben sich spontane Einladungen.

Finanzierung

Wie wir alle wissen: Alles ist teurer geworden. Heinz Stücke scheint noch in D-Mark zu denken.

„in den sechziger Jahren nur zwei bis drei Mark pro Tag, in den 90er Jahren 25 D-Mark pro Tag.“ Viel von Deutschland und Euro hat er ja noch nicht erlebt.

Finanziert hat er das meist durch den Verkauf seiner Fotos und Broschüren. Am besten funktionierte das in Japan. Mit dem Gewinn konnte er fünf Jahre durch Asien und Ozeanien reisen. (Australien war da wahrscheinlich auch noch günstiger)

Bei einer Audienz bei Haile Selassiee in Äthiopien bekam er 500 US Dollar. Das war 1963, vor der absoluten Hungerkatastrophe.

Er hatte auch ein paar „private Unterstützer, vor allem Mr Lee in Hongkong, wo er oft eine Herberge fand. So hatte er verschiedene „Heimate“ (wenn es für dieses Wort überhaupt einen Plural gibt).

Diebstähle und Unfälle

Als Weißer, selbst auf dem Fahrrad, ist man „reich“ und somit in manchen Ländern mehr das Ziel von Raubüberfällen.

Leider wurden ihm viele Fotos und Tagebücher gestohlen. Reisepässe kann man ersetzen, das andere nicht.

Unfälle hatte er eigentlich nur im Auto. Autofahrer wurden für ihn zu einer größeren Gefahr als wilde Tiere. Eher kleine Tiere wurden für ihn zu einer Bedrohung, vor allem Bienen.

Krankheiten

 

Auf Radreisen ist man auch noch kleineren Tieren, Viren und Bakterien, ausgesetzt. Gewisse Krankheiten lassen sich kaum vermeiden. Ganz schlimm erwischte es ihn in Indonesien, Darmkrankheit. Nach einem Monat in Singapur war er wieder fit. Im großen und ganzen hat er sehr gesund gelebt. Von den „Zivilisationskrankheiten“, zum Beispiel Diabetes, Krebs oder Bluthochdruck, blieb er verschont.

Dass ein paar Zähne abhanden gekommen sind, scheint ihn nicht zu stören, ebenso wenig wie seine kaputte Hüfte. Wenn seine Zahnprothese kaputt geht, klebt er sie mit einem Superkleber wieder zusammen.

Geld für eine neue Hüfte auszugeben sieht er nicht ein. Davon hat die Nachwelt ja nichts. Er investiert das Geld lieber in ein ordentliches Archivierungssystem.

Fahrrad und Zelt

Er startete mit einem etwa 25 Kilogramm schweren Fahrrad (unbepackt) der Firma Tripad aus Paderborn. Wirklich ein Oldtimer. Mit diesem 3 Gang Fahrrad ist er 450.000 Kilometer gefahren. Als später wesentlich geeignetere, leichtere Räder auf den Markt kamen, wollte er aus nostalgischen Gründen das Fahrrad nicht austauschen.

Fünf Mal wurde sein Fahrrad gestohlen. Heinz Stücke bekam es aber immer wieder zurück. Meist mit Hilfe von Fernsehen und Rundfunk. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn nicht.

Erst Jahre später, als er viel flog, um all die restlichen Inseln abzuklappern, bekam er ein BikeFriday Faltrad. Damit fuhr er  4…Kilometer zum Beispiel auch die Transamazonica-Route. Danach bekam er ein  Brompton. Diese Firma hat für ihn sein Buch herausgebracht.

Ein Unterschlupf bot ihm das Westwind Zelt, das er von North Face gestellt bekommen hat.

Oft wurde er auch eingeladen. Das ist mit das Beste am Radreisen. Dadurch bekommt man einen Einblick hinter die Kulissen, wie so eine Familie lebt.

Gezeltet hat er an den erstaunlichsten Plätzen, wie zum Beispiel auf der Chinesischen Mauer, auf Machu Picchu und auf dem Tang Lang La Pass.

Route

Wenn ich die Weltkarte anschaue, auf dem seine Routen eingezeichnet sind, wird es mir richtig schwindelig. Unglaublich, was man in so einem Leben zurücklegen kann. Kreuz und quer ging es über den Erdball, auf allen Kontinenten.

Sehr oft hatte Heinz Stücke vor, wieder nach Deutschland zurück zu fahren. Ebenso oft hatte er Gründe dies nicht zu tun 😉 . Zum Beispiel wollte er den Rekord von Marco Polo brechen, der 25 Jahre unterwegs war, dann wollte er alle Länder der Welt sehen.

Norwegen hob er sich für sein Alter auf (das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich war auch noch nicht dort).  Immer wieder, soweit es möglich war, kehrte er nach Weißrussland zurück, zu seiner langjährigen Freundin aus Minsk.

Der höchste Pass war von Leh nach Manali (Indien) auf über 5.360 Metern. In Tibet traf er den Dalai Lama.

Seine Fotos und Berichte sind Zeitzeugenberichte von verschiedenen Ländern, die es heute gar nicht mehr so gibt. In manche Länder war es schon damals schwierig hinein zu kommen, zum Beispiel nach Nordkorea. Für ein Visum für Saudi Arabien wurde er kurzfristig von der DED (Deutsche Entwicklungsdienst) angestellt. Er sollte in der Deutschen Botschaft einen Vortrag halten. Dafür bekam er ein 30-Tage-Visum. Damals in Vietnam musste er sich ständig verstecken, da er illegal dort war.

Weltrekord

Wie viele Kilometer er nun wirklich gefahren war, kann man gar nicht genau sagen. Am Anfang seiner Radkarriere 1962, gab es noch keine zuverlässigen Fahrradcomputer.

Auch die Länder oder Territorien kann man nicht genau bestimmen. Bei 196 Ländern (oder Territorien) und 648.000 Kilometern kommt es auf den ein oder anderen Kilometer oder das ein oder andere Land nicht mehr an. Seinen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde wird ihm so schnell niemand streitig machen.

Dies sind nur kleine Eindrücke eines einmaligen Lebens, vielleicht einen kleinen Appetizer für sein Buch oder seine Broschüre, die man bei ihm kaufen kann.

Ich wünsche ihm jetzt viel Spaß sein ganzes Sammelsurium zu ordnen und die tausende von Fotos zu katalogisieren.

Vielleicht hat er noch Zeit für die ein oder andere Tour.

Nach der Diskussionsrunde mit Axel und Peter konnte das Publikum Fragen stellen. Es kamen die üblichen Fragen, aber keiner fragte die Frage, die mir immer gestellt wird:

Haben Sie keine Angst gehabt?

Wer Heinz Stücke unterstützen möchte, er bekommt keine Rente, möchte auch nicht vom Sozialamt leben, kann dies gerne tun:

 


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6 Gedanken zu “Interview mit Heinz Stücke

  • Heike

    Freut mich liebe Dorothee, dass auch du ihn treffen durftest. Ich hatte damals in Laos in seinem 51.Radeljahr das Vergnügen mit ihm zu reden….

    Ich konnte es damals nicht glauben, als er plötzlich vor mir stand…..was ein mega Zufall das damals war.

    Eine Legende……

    LG aus Afrika….Heike

    • doroFleck Autor des Beitrags

      Da hast Du mehr Glück als ich gehabt. Wenn ich jetzt seine Touren anschaue merke ich, wir müssen uns öfters verpasst haben.
      Aber ist auch zurück in Deutschland ein Erlebnis ihn zu treffen.

      Liebe Grüße nach Afrika,
      Dorothee

    • Wilfried

      Hallo Dorothee,

      Der niederländische Radfahrer Frank van Rijn absolvierte die 600.000 Kilometer im Januar 2019. Ich erwarte natürlich, dass er auch die 700.000 Kilometer zurücklegt, da er noch auf der Straße ist.

      Leider veröffentlicht er nur auf Niederländisch. Aber ich genoss seine Bücher viele Stunden lang und mehrmals. Und ich bin seit einem Jahr selbst radweltfahrer.

      Grüße

      Wilfried von https://YesTrip.nl

      Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator

      • doroFleck Autor des Beitrags

        Vielen Dank, Wilfried, für den Kommentar. Von Frank von Rijn habe ich schon gehört, leider ist er wieder in Vergessenheit geraten. Es ist erstaunlich, wie viel unterwegs sind und gar kein großes Aufheben darüber machen. Soweit ich gesehen habe, möchte er seine Bücher jetzt auch in andere Sprachen übersetzen.

        Ich wünsche auch Dir weiterhin viele schöne Touren.

  • Markus weinacht

    hallo heinz es war schönn dein vefasten bericht von dorotee zu lesen ich hofe deiner hüfte geht es gut ich hoffe du kennst mich noch ich bin der markus der schonn seit 7 jahren um die welt fährt ich habe dich mal besucht 2017 /18 wier haben lange und viel gesprochen es hat mir sehr gefallen wie du dein leben angegangen bist ich wünsche dier gottes segen und alles liebe und gute für deine nächsten reisen der weltenbummler markus falls du mir mal schreiben möchtest hier meine e mail adresse weinacht79@web.de