Norwegen – mit einem abrupten Ende


Kommen wir nun endlich zu meinem eigentlichen Reiseland für dieses Jahr. Dänemark war lediglich zum Warmradeln – Norwegen stand auf dem Programm. Mein 102. Land, in dem ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Warum war ich hier nicht schon viel früher? Schon einmal vorweg verraten, es hat meine Erwartungen übertroffen – nicht nur was das schlechte Wetter anbelangt und die steilen Anstiege…

Anreise

Hafen Kristiansand

Von Hirtshals (Dänemark) nach Kristiansand sind es mit der Fähre ein bisschen mehr als zwei Stunden. Mein Problem: Ich werde sehr leicht seekrank. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. 

Ich hatte mich gleich in einen Sessel verdrückt und bin die ganze Zeit nicht aufgestanden, habe mich mit Lesen und Sudokus abgelenkt. Das hat geholfen. Was draußen zu sehen war, darauf konnte ich gerne verzichten. Überall Wasser, die See von unten, der Regen von Oben.

Nach den beschaulichen Örtchen in Dänemark, wurde ich in einer Großstadt, Kristiansand, ausgespuckt.

Fußgängerzone Kristiansand

Einen Geldautomaten hatte ich hier schnell gefunden. Auch wenn mir ein Freund gesagt hat, dass man überall und alles mit Karte bezahlen kann, ich bin immer noch “old school”, eine Freundin des Bargeldes.

Übernachtungsplätze

Åros Feriesenter

Auch in Norwegen gibt es das „Jedermannsrecht”. Wo auch immer man ist, darf man schlafen (soll allerdings nur für unmotorisierte Reisende gelten).

Trotzdem, eine Dusche, ich meine wirklich eine warme, mit Seife und so, nicht den Regen, war mal wieder von Nöten. Darum habe ich mir für die erste Nacht in Norwegen einen Campingplatz gegönnt (26 Euro).

Am zweiten Abend stand ich am Straßenrand, schaute mich nach einem Platz zum Zelten um. Ein Park war in der Nähe, schön an der Küste mit Picknickplätzen, allerdings auch mit einem Schild: Camping verboten!

Eine Frau hielt an, fragte, ob sie mir helfen kann. Sie klärte mich auf, dass ich dort trotzdem für eine Nacht zelten dürfe, sie hätten ja schließlich das “Jedermannsrecht”. Allerdings war es dort dann doch zu windig und sie bot mir an im Garten des “Day Houses” ihrer Tochter zu zelten. Das war dann absoluter Luxus.

perfect camping spot

Als ich mal wieder im Regen im Wald unterwegs war, habe ich die Hütten von Dänemark sehr vermisst. Oh, wie sehnte ich mir wenigstens einen trockenen Unterstand herbei. Und wie war das mit den Wünschen und dem Universum? Plötzlich sah ich auf einem Wegweiser eine Hütte, die denen in Dänemark sehr ähnlich kam. Ich nichts wie hin.

Schutzhütte in Norwegen

Paradies! Endlich im Trockenen!

Am nächsten Tag kam ich dann an der absolut gigantischsten Schutzhütte vorbei. Sie war nur 10 Kilometer von meinem letzten Übernachtungsplatz entfernt, allerdings habe ich dafür mal wieder Stunden gebraucht. Ich hatte zuvor steile Anstiege zu bewältigen. Wie immer hat es sich absolut gelohnt

beste Schutzhütte Norwegens

Hier hat absolut nichts gefehlt. Neben einem Holzofen mit Brennholz gab es selbst gestrickte, dicke Wollsocken. Sogar USB Ladestationen waren da und eine kleine Bibliothek. Fantastisch!

Entlang der Straßen gibt es immer wieder an schönen Orten Parkplätze. Hier kannst Du auch zelten. Allerdings ist der Platz sehr schnell mit Wohnmobilen gefüllt.

Zwischen Straße und See

(Hinter mir stand hier ein Wohnmobil an dem anderen)

Radwege

Norseeradweg

Auch in Norwegen bin ich weitgehend den Nordseeradweg, Eurovelo 12, gefahren.

Radwegeschilder in Kristiansand

Gleich von Anfang an waren sie optimal ausgeschildert.

Schon aus Kristiansand heraus, habe ich mich gewundert, wie sehr die Norweger auf sichere Radwege achten.

Radweg an einer Baustelle

Die Baustelle und der Verkehr hätten zu einem großen Problem für Radreisende werden können. Nicht in Norwegen. Gut abgesichert und breit genug führte mich der Radweg sicher an der Baustelle entlang. 

Meist führten die Radwege nicht der Straße entlang, sondern durch sehr abgeschiedene Gegenden.

Wie du siehst, kein Auto weit und breit. Schön ruhig ging es durch Wälder – rauf und runter den Fjorden entlang. 

Norwegen ist der krasse Gegensatz zu Dänemark. Kam ich in Dänemark vielleicht auf 100 Höhenmeter auf 100 Kilometer, waren es in Dänemark weit über 1000 Höhenmeter auf etwa 80 Kilometern. Es ist ratsam, für Norwegen mehr Zeit einzuplanen. Auch wenn zwei Orte Luftlinie etwa 20 Kilometer auseinanderliegen, kann man gut und gerne eine Wegstrecke von 80 Kilometern zurücklegen.

Galerie am Jøssinghavn Tunnel
Jøssinghavn Tunnel Picknickplatz

Eine der verrücktesten Straßen: der Jøssinghavn Tunnel. Für die Autos wurde ein neuer Tunnel gebaut. Der Radweg geht durch den alten Tunnel, beziehungsweise Galerie. Es hat stark geregnet. Die Bäche stürzten nur so den Berg hinunter. Da hatte ein überdachter Radweg fast schon paradiesische Ausmaße. Es gab sogar Picknickplätze. Übernachten kann man hier auch. Einfach genial. 

Rad- und Wanderwege

Neben dem Nordseeradweg gibt es noch viele kleinere und längere Radwege durch fantastische Naturschutzgebiete.

Sonne im Rücken 😄

Die Wege sind natürlich noch schöner, wenn die Sonne scheint. 

es geht auch eben

Nachdem ich die Berge hinter mir gelassen hatte und wieder am Meer war, ging es endlich eben weiter. Doch dann…

Das Ende

… tja, das wars. Mehr weiter unten…

Versorgung

Als ich sagte, dass ich anstatt in die USA nach Norwegen möchte, da die USA so teuer geworden ist, haben alle nur gelacht. Jetzt weiß ich auch warum.

Nach einem Vormittag im Regen, wollte ich mir was Gutes tun und bin in eine Bäckerei. Ich kaufte mir allerdings doch nur ein kleines Brötchen und ein Blätterteiggebäck. Ich konnte noch lachen, als ich die Rechnung bekam: 6,40 Euro. Das war mir die Erfahrung wert.

Die medizinische Versorgung ist dafür sehr günstig. Mehr darüber weiter unten.

Es gibt noch genügend Supermärkte, in denen der Preisunterschied zu Deutschland nicht so extrem ist.

Als ich über eine bergige Waldstrecke wieder in ein Dorf kam, sah ich dieses Schild:

Kein Traum!

Ein Mitarbeiter dieses großen Pferde- und Reiterausstatters bestätigte mir, dass das wahr ist. An der Eistruhe konnte ich mir ein Eis raussuchen, bekam einen Espresso und noch ein Softdrink. Ich hatte Glück, es war 15.55 Uhr, um 16 Uhr schließt der Laden.

Auch in der Natur konnte ich mich gut bedienen.

Himbeeren am Wegesrand

Da hier im hohen Norden alles später dran ist, waren die Himbeeren gerade richtig schön reif. Ich war nicht die einzige, die sich bediente. Ich sah so manchen Radler im Gebüsch hängen. Darum waren sie teilweise schon sehr abgeerntet.

Klima

Norwegen wird seinem Ruf gerecht. Wie viel Zeit ich wohl in den ersten Tagen in Bushaltestellen verbracht hatte?

Zuflucht in der Bushaltestelle

Die meisten Bushaltestellen sind zum Glück dem Regen und Wind angepasst.

Da jede Radreisende sich auf Regen eingestellt hatte, waren die meisten noch in sehr guter Stimmung, nicht wie in einem anderen Land, wo mit jedem Regentropfen die gute Laune weggewaschen wird.

Aber es geht auch anders:

Sonne und Meer

Auch das ist Norwegen. Junge Mädchen sprangen sogar in das Wasser – ohne Neopren!

Fähren

Sorry, Fähren hatte ich auf meiner kurzen Strecke leider keine. Mehr dazu dann nächstes Jahr 🙂

Das Ende …

…für mich dieses Jahr.

irgendwas stimmt hier nicht

Nach dem Sturz merkte ich gleich, da stimmt was nicht. Da ich müde und hungrig war, was wahrscheinlich auch der Grund des Sturzes war, blieb ich zuerst einmal sitzen, machte eine Pause und aß mein Brot. Dabei konnte ich richtig zusehen, wie mein Daumen anschwoll. Dass er nicht mehr richtig zu gebrauchen war, merkte ich schnell. Mein Messer konnte ich nicht mehr halten. Schmerzen hatte ich sonst keine. 

Die einzige Person weit und breit war ein Bauer, der die Zäune für seine Kühe richtete. Der bot mir an, mich ins Krankenhaus zu fahren. Das Angebot nahm ich gerne an. Leider sagten sie mir, dass ich zu einem “legevakt” müsste, also einer Ambulance oder Unfallstation. 

Da ich immer noch keine Schmerzen hatte, beschloss ich, zuerst einmal darüber zu schlafen. Fahrradfahren konnte ich, bremsen mit der rechten Hand war schwer. Zum Schalten musste ich mit der linken Hand an den Rohloff-Drehgriff rechts greifen. 

So kam ich zu dem wunderbaren Strand bei Bore mit der sehr netten Besitzerin des Campingplatzes, die mich gleich mit Eis versorgte.

Nutzte alles nichts. Nach einem Telefonat mit meiner Freundin, einer Unfallchirurgin, war mir klar, Röntgen wäre schon ganz ratsam.

Stavanger war nicht mehr weit. Da gibt es eine Uni-Klinik mit Ambulanz. Zwei Tage nach dem Unfall war ich dort. Ich überlegte mir noch, was ich mir alles für meine Weiterfahrt besorgen wollte. Zuerst in die Klinik, sagte ich mir. 

Tja, das wars dann auch. Bruch des ersten Mittelhandknochens! Das musste operiert werden. Der Arzt wollte mir gleich einen Gips verpassen. Das konnte ich zum Glück noch abwenden. Wie hätte ich mit einem Gips Zelten und Radfahren sollen? Er meinte, hier hat es einen Flugplatz von dem täglich Flüge nach Frankfurt gehen. 

Wenn auch sonst das Leben in Norwegen teuer ist, die medizinische Versorgung kostete kaum etwas. Etwas 19 Euro für das Röntgen, 29 Euro für den Arzt. Das musste ich aber gleich vor Ort mit Karte bezahlen.

Zwei Tage war ich in der touristischen Stadt. Während ich alles für meinen Rückflug erledigte, konnte ich mir noch die Stadt anschauen.

Auch hier: Kreuzfahrtschiffe.

Eigentlich ganz nett. Nur im Hafen mitten in der Altstadt lagen zwei große Kreuzfahrtschiffe.

Übrigens gibt es in der Arte Mediathek die Serie “State of Happiness”, wie die Stadt sich von einem Fischerdorf zur Hauptstadt des Erdöls wurde. Äußerst interessant.

Mein Fahrrad wurde in einem Fahrradladen in der Nähe des Flughafens in einen Karton gepackt. Mit einem Taxi ging es dann zum Flughafen.

Heimflug

In Frankfurt holte mich meine Schwester ab. Es war Samstagnacht. Am Montag hatte ich ein Erstgespräch in der Klinik in Freiburg, am Dienstag wurde ich operiert.

Mittlerweile habe ich immer weniger Grund zur Klage wegen meines Daumens.

Fazit

Norwegen hat alle meine Erwartungen übertroffen. Trotz des schlechten Wetters und den immens steilen Anstiegen, kann ich es kaum erwarten, nächstes Jahr nach Stavanger zurückzufleigen und meine Tour vorzusetzen.

Dass das Essen etwas teurer ist, kann man gut mit dem “Jedermannsrecht” und der Freundlichkeit der Leute kompensieren.

Nächstes Jahr bekommst Du dann hoffentlich mehr über Norwegen zu lesen. Oder ich treffe Dich vielleicht dort, falls Du jetzt auch Lust auf das Land mit der genialen Landschaft Lust bekommen habt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.