Was kommt nach dem Nomadentum?


Was kommt nach dem Nomadentum?

So viele Blogs, Online-Coaches, Seminare und Ratschläge gibt es mittlerweile, für den Weg vom “Hamsterrad” rein ins Nomadentum (meist digital). Es werden viele Versprechungen gemacht – von unendlicher Freiheit, Abenteuer und einem selbstbestimmten Leben. 

Dieser Weg ist allerdings keine Einbahnstraße. Aus den verschiedensten Gründen ist damit irgendwann auch wieder Schluss. Und was kommt danach?

Die Vorteile des Nomadentums

Die Vorteile des Nomadentums muss ich hier nicht weiter auflisten. Die Sozialen Medien sind voll davon und haben einige dazu motiviert, ihr bisheriges Leben aufzuhören und ein Leben in Freiheit und Abenteuer zu genießen. 

Ende Nomadentum
Zu Beginn meiner ersten Weltreise 2008 in Bulgarien

Ich hatte meinen Job schon 2008 gekündigt und bin mit dem Fahrrad auf Reisen gegangen. Auch ich habe mein neues Leben voll ausgekostet, fand es spannend, dass sich jeder Tag vom anderen unterscheidet. Selten wusste ich am Morgen, wo ich am Abend sein werde, wen ich treffe, was ich erlebe. 

Im Unterschied zu den “Digitalen Nomaden” war ich fast immer auf mich alleine gestellt, reiste nicht zu irgendwelchen Hotspots, wo man Gleichgesinnte trifft. Ich genoss mein Leben als “freie Radikale”. Ich war nie der “Netzwerk-Typ”, war immer selbstständig. 

Das war Freiheit pur, da ich auch oft längere Zeit ohne Internet war. Ich stand zum Glück auch nicht unter dem Druck nebenher online Geld verdienen zu müssen.

So radelte ich mit zwei Unterbrechungen zwölf Jahre durch 99 Länder. Inzwischen habe ich fast alles gesehen und gemacht, was ich wollte. 

Die Nachteile das Nomadentums

Daniel Schöberl hat beim Rucksackträger auch die Nachteile des Digitalen Nomadentums aufgestellt. Diese und noch viel mehr treffen auf meine Art zu reisen zu. 

Ende Nomadentum
Kongo 2016

Irgendwann wird auch das Rumreisen zum Alltag. Was früher Abenteuer war wird zum “normalen Leben”. Ich fuhr fast jeden Tag ein Stückchen weiter. Selten blieb ich länger als maximal drei Tage an einem Ort. Es kam nicht mehr wirklich etwas Neues.

Ende Nomadentum
Yangshuo, China 2008

Dem wunderschönen Kalksteinfelsen im Süden Thailands kann man kaum mehr etwas abgewinnen, die Dünen von Sesriem in Nambia kommen einem nicht so prächtig vor, wie überall beschrieben. Ich hatte alles sogar noch besser irgendwo anders gesehen.

Ende Nomadentum
Dunhuang, China 2012

Ich war meistens alleine. Bei Einheimischen, die ich traf, gab es für eine tiefere Konversation zu viel Sprachbarrieren. Ihr Englisch reichte meist nicht über “What’s your name?” hinaus. Die Fragen: Woher kommst Du, wohin fährst Du, wo ist Dein Mann, blabla, kannst Du bald nicht mehr hören. Selten ergeben sich Gespräche, die wirklich Mehrwert bringen.

Ende Nomadentum
Ghana 2016

Sich fast jeden Abend einen Platz zum Schlafen und Zelten zu suchen ist in manchen Gegenden wunderbar und spannend, in anderen kann es auch äußerst lästig sein, wenn alles eingezäunt ist. Viel zu viele Leute, nur bebautes Gebiet. 

Ende Nomadentum
Lettland 2018

Es tat dann immer wieder gut, länger an einem Ort zu bleiben, wenn er interessant genug war. 

Alleinsein muss gelernt sein. Man lernt viel über sich kennen, ob man will oder nicht. Das gehört eigentlich zu den Vorteilen, bis aus dem Alleinsein Einsamkeit wird. Das kann auch in der westlichen Zivilisation passieren, wenn man keinen Gleichgesinnten um sich hat. Wenn Du von Leuten umgeben bist, zu denen Du keinen Bezug hast. 

Ende Nomadentum
Kazachstan 2012

Komisch, aber in der Natur, wenn ich total alleine war, war ich nie einsam. 

Die Angst vor dem Aufgeben

Es gibt wenig Radreisende, die wirklich über Jahre hinweg unterwegs sind. Die meisten nehmen ein Jahr Auszeit und gehen dann zurück in ihr ursprüngliches Leben. Lassen sich dann als Helden feiern, schreiben Bücher und machen Filme, um zu zeigen, wie toll sie sind. 

Die digitalen Nomaden geben im Allgemeinen ihr bisheriges Leben auf und beginnen einen neuen Lebensabschnitt. Dieser wird so in Szene gesetzt, dass es wie das “non plus ultra” erscheint. In Freiheit arbeiten, womöglich noch am Strand, wie cool ist das denn? Endlich im Paradies! Wirklich? 

Ende Nomadentum

Wie nicht jeder Piña Colada mag, so mag auch nicht jeder diesen Lifestyle. Wer klagt ist uncool, gehört nicht dazu. Wirklich zuzugeben, das ist nichts für mich, dafür gehört schon Mut. Wer möchte denn als spießig gelten und “das System” der Freiheit vorziehen? 

Bei mir war es die Herausforderung, was danach kommt. Die kleinen Pausen während meiner wohnungslosen Zeit in Deutschland konnte ich gut überbrücken. Ich war ja nur Gast. Trotzdem, bevor ich zurück kam, musste ich genau wissen, was ich tun werde, um nicht in ein Loch zu fallen. Schon aus der Ferne organisierte ich mir Vorträge, Kurse und machte Termine. Damit war ich beschäftigt, bis ich wieder meine Taschen packen konnte. 

Das war zwölf Jahre lang für mich OK. Ich dachte überhaupt nicht ans Aufgeben. Doch dann wurde der Wunsch nach einer eigenen Wohnung immer größer, einem Ort wo ich “zu Hause” bin, wo ich endlich wieder all meine Sachen auspacken kann, die 12 Jahre lang in Kisten eingelagert waren. 

Ende Nomadentum
Wer weiß, was das ist? Ja, ich bin schon etwas älter 😉

Ende 2019 war es dann so weit. Ein ganz neues Abenteuer und neue Herausforderungen starteten für mich, die Sesshaftigkeit mit all Ihren Pflichten und Aufgaben. 

Das Archaische Kreuz

Im Leben hat alles seine Zeit. Das ausschweifige Leben und das ruhige häusliche Leben. Um ein erfülltes Leben zu haben, sollte alles ausgelebt werden. 

Vor allem mit dem Alter ändern sich die Prioritäten. Bei mir war nun der richtige Zeitpunkt gekommen, mein Leben wieder umzustrukturieren. Nach dem Leben mit Abenteuer und Freiheit, wollte ich wieder wo dazugehören, eine klare Aufgabe haben. Die Vorteile der Sesshaftigkeit weiß ich zu schätzen. 

Zurück in die Sesshaftigkeit

Eigentlich heißt es, der erste Schritt ist der schwerste. Für mich war immer der letzte Schritt, zurück nach Deutschland zu gehen, der schwerste. 

Da ich damit immer mehr Erfahrung hatte, lies der Schmerz mit der Zeit nach. Und nachdem mein globaler Entdeckungsdrang gestillt war, waren die Anreize größer zu bleiben. 

Alles aufzugeben und loszufahren ist viel einfacher, als wieder zurück zu kommen, eine Wohnung zu suchen und sich eine neue Existenz aufzubauen, Einkommen zu generieren. Das sind für mich die neuen Herausforderungen. 

Nachdem das Reisen Alltag und zu meiner Komfortzone wurde, ist es immer noch ein Abenteuer wieder zurück in die Sesshaftigkeit zu kommen. 

Ende Nomadentum

Klar, das Leben in Deutschland ist teuer. Es ist viel teurer als mit dem Fahrrad um die Welt zu fahren. Zum Glück hat sich mein Lebensstandard nicht sehr erhöht. Ich kann mich mit sehr wenig begnügen. Mit meiner sehr kleinen Wohnung habe ich viel Glück gehabt. Immerhin ist sie größer als mein Zelt. 

Und sie ist günstig, so besteht die Chance, dass ich sie auch wirklich finanzieren kann. Die Größe (beziehungsweise “Kleine”) verhindert auch, dass ich unnötigen Besitz und somit Ballast anhäufe. 

Ein Auto brauche ich nicht, ich habe genug Fahrräder. 

Nachdem ich zwölf Jahre lang Gast war, kann ich endlich einiges zurück geben. Ich genieße es, Gastgeberin zu sein, Freunde um mich zu haben, in die Stadt zu gehen, sich einfach spontan zu treffen oder zum Essen eingeladen zu werden.  

An Weihnachten war es sehr nett, mal wieder richtige Post zu bekommen, nicht nur E-mails. Sogar ein paar Päckchen kam an. 

Unabhängigkeit und Freiheit sind schon OK. Man kann tun und lassen, was man will. Andererseits interessiert es bald auch niemanden mehr, was Du tust, wo Du bist. Mit der Zeit wird das ganz schön traurig. Ja, man ist stark, man führt sein eigenes Leben, ist selbstständig, und so weiter. 

Für wen? Viele begnügen sich mit Facebook-Freunden und -Followern. Aber sie sind halt doch nur “virtuell”.

Nach den Jahren, in denen ich so viel an Hilfe und Gastfreundschaft empfangen habe, freue ich mich, jetzt einiges wieder zurück geben zu können. 

Ende Nomadentum
Danke Mirjam (Cyclingdutchgirl), Heike (Pushbikegirl), Martina (colorfish)
Foto: Heike

Es macht mir Spaß, Gäste empfangen zu können. Jetzt muss ich nicht mehr in die Welt, denn die Welt kommt zu mir. 😉

Die Sache mit der Komfortzone

Immer wieder liest man “raus aus der Komfortzone”, über den Tellerrand schauen und so weiter. Soweit ich sehe, haben gerade die, die das am lautesten Predigen sich wieder in einer Komfortzone eingenistet. Ja, sie haben vielleicht den ein oder anderen Bruch im Leben gehabt, aber sitzen jetzt wie die Made im Speck und predigen uns für viel Geld, dass wir das auch tun sollen.

Für mich wurde Reisen meine Komfortzone und die Sesshaftigkeit bedeutet für mich “raus aus der Komfortzone”. Gerade anders herum als die meisten die Mutation sehen. 

Was ich mir allerdings nicht nehmen lassen will, ist mein selbstbestimmtes Leben. Mal ganz davon abgesehen, dass ich viel zu alt bin, um noch angestellt zu werden. 

Meine größte Herausforderung: mit meinem eigenen Business genug Geld zu verdienen. Diese Herausforderung finde ich gerade viel besser, als nochmals tausende Kilometer Fahrrad zu fahren. Das kann ich. Das habe ich mir selbst wenigstens bewiesen. Mit meinem eigenen Business kann ich über mich hinaus wachsen. Das finde ich jetzt richtig spannend. 

Fazit

Jetzt in Zeiten von Corona, wo es Ausgangssperren gibt, die Grenzen schließen, bin ich einerseits ganz froh, hier zu sein. Hier gibt es hoffentlich noch medizinische Versorgung, sollte es mich erwischen. 

Andererseits könnte ich mir auch ein netteres Plätzchen zum Ausharren vorstellen. Käme aber auch ganz darauf an, wie lange das noch andauert. Also bin ich doch ganz froh, hier zu sein. 

Mal abgesehen von den Corona-bedingten Einschränkungen, heißt Sesshaftigkeit ja nicht, dass ich zu Hause angekettet bin. Ich werde immer noch auf Reisen gehen, aber anders. Kürzer, nicht mehr über Jahre und auch für und mit anderen. Interesse an einer Reise mit mir? Dann meldet Euch. 


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4 Gedanken zu “Was kommt nach dem Nomadentum?

    • doroFleck Autor des Beitrags

      Prima, ich freue mich schon auf Deinen Besuch. Vorher wünsche ich Dir eine fantastische Tour, damit Du auch was zu erzählen hast 😉
      Liebe Grüße, Dorothee

  • Daniel | Rucksackträger

    Hallo liebe Dorothee,

    wir hatten uns ja schon einige Male über die „Sesshaftigkeit“ ausgetauscht. Viele deiner Punkte kann ich absolut bestätigen, auch wenn du über einen längeren Zeitraum weitaus nomadischer unterwegs warst, als ich es gewesen bin. Danke hierbei übrigens für die Verlinkung auf meinen Blog. 😉

    Und ja, auf Grund der aktuellen Situation ist es tatsächlich ein wahrer Luxus, wieder eine feste Bleibe zu haben und die Wohnung dennoch zwischendurch auch mal verlassen zu können. Besser als sich eine Unterkunft mit mehreren „Unbekannten“ teilen zu müssen und immer nur „Gast“ zu sein.

    Ein wirklich toller Artikel von dir über einen großen Schritt, den du gegangen bist. Für deine kommenden Projekte alles Gute und ich freue mich darauf, mich weiterhin mit dir auszutauschen.

    Bleib gesund und viele Grüße in den Schwarzwald,
    Daniel.

    • doroFleck Autor des Beitrags

      Hallo lieber Daniel,

      Gratuliere, Du hast es mal wieder geschafft, der längste Kommentar. Vielen Dank auch für das Lob, der Artikel, alle Beiträge, wären bei weitem nicht so gut, wenn Du sie nicht korrigieren würdest. Auch dafür nochmals vielen Dank.

      Die Gespräche mit Dir sind immer sehr inspirierend. Leider auch viel zu selten, vor allem mit den jetzigen Restriktionen. Und ich finde es schade, dass unsere Wege sich während des Nomadentums nie gekreuzt haben. Dafür bei unseren Aufenthalten in Deutschland ab und zu

      Manch Deiner Eindrücke kann man ja in Deinem Bericht lesen. Ich hoffe allerdings, ich kann sie bald in Deinem Buch lesen. Ich wünsche Dir schon mal viel Erfolg damit und mit all Deinen anderen Projekten.

      Viele liebe Grüße in die Rhön,
      Dorothee