Damals: Von Wien nach Budapest und zurück 6


Von Wien nach Budapest und zurück – auf zwei Rädern und mit drei Gängen

Vor ein paar Monten habe ich einen Aufruf gestartet. Ich biete hier allen „älteren“ Reiseradler die Möglichkeit, von ihrer Radreise vor einigen Jahren zu berichten. 

Der zweite „Damals“ – Beitrag und Fotos kommen von Christine Achberger.

„Meine erste Radtour habe ich mit 16 Jahren gemacht, von Wien nach Budapest und zurück. Das war 1984. Eigentlich war es keine besonders weite Tour aber dennoch außergewöhnlich, aufregendend und auch aufrüttelnd. Damals, vor 31 Jahren teilte noch der Eiserne Vorhang Europa in den kapitalistischen Westen und den sozialistischen Osten, ein „politisches Grundgesetz“ das prägte und kaum wegzudenken war.

Für heutige Verhältnisse waren wir mit einer reichlich bescheidene Ausrüstung unterwegs, einfache Dreigangfahrräder mit Rücktritt, schweres Zelt, Campingkocher und Isomatte und alles kam hinten auf den Gepäckträger. Mit dieser Ausrüstung würden sich heute wahrscheinlich noch nicht mal Idealisten auf eine Tour wagen…. Außerdem sollte es ja diverse ornithologische Sehenswürdigkeiten geben am Neusiedler See, also mussten auch noch Fernglas und Kamera verstaut werden. An schwerem Gepäck hat’s nicht gemangelt.  Wie das alles auf dem Hinterradgepäckträger Platz fand ist mir heute völlig unbegreiflich….

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Ich war überglücklich diese Radtour machen zu können. Fahrradfahren hatte ich schon als Kind geliebt und es immer genossen, meine nähere Umgebung per Rad zu erkunden und meinen Radius von zu Hause immer ein bisschen zu erweitern. Drahtesel und Ausrüstung spielten keine grössere Rolle, ohne eigenes Geld konnte man da nicht allzu wählerisch sein. Wir nahmen was wir hatten, und was sollte schon passieren? Eine Plattfuß konnten wir flicken und das sollte doch wohl ausreichen …

Geplant wurde die Tour ganz „analog“, mit der guten alten Landkarte (vorzugsweise im Maßstab 1:250.000, damit man auch noch die kleinen Wege findet). Sehr hilfreich waren auch Tipps und Erfahrungen von Leuten, die schon mal in der Gegend unterwegs gewesen sind. Noch gab es keine beschilderte Radwanderwege, und an spezielle Radreiseführer war sowieso noch nicht zu denken. Statt dessen ließen wir uns überraschen, jeden Tag von Neuen, was längs des Weges kommen sollte. Und das kam häufig vor im Positiven wie im Negativen Sinne.

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Bevor wir die Grenze zu Ungarn erreicht hatten, waren die Landkarten völlig zuverlässig, aber dass es der Ostblock nicht immer so genau nahm mit der Geographie, war eine völlig neue Erfahrung. Auch war aus den ungarischen Karten nicht zu ersehen, dass es Straßen gab die für Radler verboten waren. Und dann stand man da plötzlich vor einem „Radfahren verboten“ Schild und hatte die Wahl: trotzdem weiter fahren oder besser die sandige Piste nehmen, die irgendwo hin führen konnte?

Um die Reisekasse zu schonen haben wir immer im Zelt übernachtet. In Österreich war Wildzelten kein Problem, in Ungarn jedoch war das streng verboten. Für jede Übernachtung musste man einen Stempel von einer offiziellen Stelle vorweisen können, und das würde bei der Ausreise kontrolliert, wurde uns gesagt. Die Stempel bekam man in Hotels oder Campingplätzen, jedoch waren nicht alle Zeltplätze für Wessies zugelassen. Sie mussten nämlich einen ausreichenden Standard haben.

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Auf den Campingplätzen gab es interessante aber auch deprimierende Begegnungen. Als Radler waren wir „Exoten“, es gab praktisch keine anderen Wessis, die mit dem Rad in Ungarn unterwegs waren.  So kamen wir immer schnell ins Gespräch. Für mich war es damals die ersten, richtigen Begegnungen mit Ostdeutschen. In der DDR war ich vorher noch nicht gewesen, und für Ostdeutsche war das Reisen ins nichtsozialistische Ausland nahezu unmöglich. Am Abend auf den Campingplätzen bekam ich daher ein wenig eine Idee, wie das Leben in Deutschland auf der anderen Seite von Mauer und Zaun aussah. Ungarn war ein beliebtes aber ein eher teures Reiseland für die ehemaligen Ossis, für uns dagegen kostete das meiste nur einen Bruchteil von dem was wir aus D gewohnt waren. Oft bekamen wir zu hören, wie gut wir es hätten überall hin fahren zu können und uns alles kaufen zu können.

Hin und wieder trafen wir auch auf Radler aus der DDR. Im Sommer 1984 gab es mehrere Ostdeutsche, die über Ungarn die Flucht in den Westen versuchten. Das Fahrrad bot sich zu diesem Zweck wohl irgendwie an. Wir merkten das daran, dass wir regelmässig in Polizeikontrollen gerieten. Wie sollten wir auch von potentiell abtrünnigen DDR’ler unterschieden werden? Unsere westdeutschen Pässe garantierten aber immer eine baldige Weiterfahrt.

Ohne Handy oder Internet war die Kommunikation mit zu Hause auf’s nötigste reduziert. „Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“, das hatte ich mit meiner Familie vereinbart bevor wir auf die Tour aufbrachen. Schliesslich wussten wir nicht im Voraus, wo eine Telefonzelle stand und ob die dann auch funktioniert. Also machte es keinen Sinn Versprechen zu machen wann man das nächste Mal anruft.  Ob sich meine Familie damals  Sorgen gemacht hat, habe ich nie gefragt, schliesslich war ich ja noch ziemlich jung.

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In vielerlei Weise war diese Radtour ein aussergewöhnliches Erlebnis. Es war ein unschlagbares Gefühl, dass Entfernungen, die man normalerweise mit Auto oder Zug zurücklegt auch aus eigenen Kräften zu schaffen sind. Und wie wenig man eigentlich so wenig zum Leben braucht! Es spielte keine Rolle, dass die Ausrüstung und die Fahrräder so manches zu wünschen übrig liessen, wir hatten ja doch keine Vergleichsmöglichkeiten. Jeder Tag war ein kleines Abenteuer, man wusste nie im Voraus was einen erwartet.

In den darauf folgenden Jahren sollten viele weitere Touren folgen, kürzere wie auch längere, immer mit Zelt und dem Nötigsten was man so unterwegs braucht. Das alte Dreigangfahrrad wurde bald durch ein tourentauglicheres mit 10 Gängen ersetzt, und die Ausrüstung Stück um Stück verbessert. Geblieben aber ist die große Freude am Radfahren, ob im Alltag oder auf Reisen, alleine, zu zweit oder mit Familie. 

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Christine kann ihren Lebenslauf zwar nicht mit Weltumradelung und Radreisen in exotische Länder schmücken. Dafür hat sie aber früh mit Radtouren angefangen und noch das „Prä-Ortliebium“ erfahren, die Ära in der Packtaschen noch ein schwer zu beschaffender Ausrüstungsgegenstand waren, der beste „Rad-Wegweiser“ um den Bodensee die „Fahrrad verboten“ Schilder waren und der „Fahrrad-Computer“ ein kleiner mechanischer Kilometerzähler am Voderrad. Vor mehr als 20 Jahren ist sie nach Schweden gezogen, arbeitet jetzt in Göteborg als Umweltberaterin für Luftreinhaltung. Nach längerer Radtourenpause träumt sie nun wieder vom Radreisen.

Kontakt: chrachberger(at)yahoo.se


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6 Gedanken zu “Damals: Von Wien nach Budapest und zurück

    • Christine

      Man kam halt nicht so ohne weiteres alle Steigungen hoch, absteigen und schieben gehörte auch dazu. Aber die Erfahrung mit einfachem Rad u Ausrüstung unterwegs zu sein will ich nicht missen. Ich konnte jede Verbesserung an Rad u Ausrüstung richtig wert schätzen.

  • Martin

    Schöner Bericht,
    Bin 1970 als 16jähriger von Wildeshausen (nähe Bremen) nach Kopenhagen und zurück mit einem Rennrad, ich glaube so um die 10 Gänge, gefahren. Auch alleine und alle Technik war analog. Und heute fahre ich immer noch.