Damals: Radreisen in den 80ern


Damals: Radreisen in den 80ern

von  Niko Kröger

Vielen Dank an Niko Kröger, der diesen wunderbaren Bericht und Fotos von seinen ersten Radreisen zur Verfügung gestellt hat. Vielleicht geht es ja anderen so wie mir, es werden viele Erinnerungen wach gerufen. Viel Spass beim Lesen.

Meine erste Radtour habe ich im Sommer 1980 mit 12 Jahren gemacht. Damals fuhr ich zu Verwandten quer durch Schleswig-Holstein und es hat sich für mich nach dem großen Abenteuer angefühlt.

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Nüchtern betrachtet fuhr ich die gesamte Strecke auf dem Fahrradweg an der Bundesstraße 4 entlang und kam nach 66 Kilometern bei meiner Tante wohlbehalten an. Für mich aber war es deutlich mehr und in jedem Fall erweckte es den Wunsch nach Wiederholung.

Drei Jahre und viele elterlichen Diskussionen später war es endlich soweit, ich durfte, zusammen mit meinem besten Freund, meine erste mehrwöchige Radtour durch Dänemark und Schweden starten.

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Es war ein Riesenabenteuer und von absolut bleibender Erinnerung. Wir starteten mit sehr einfacher Ausrüstung (3-Gang-Rad, Einwandzelt sowie anderen „Highlights“ aus dieser Zeit) und entdeckten die Welt auf unsere ganz eigene Art.

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Um unsere kleine Reisekasse zu schonen, klingelten wir bei „wildfremden“ Leuten und fragten ob wir dort im Garten zelten durften. Zu Beginn der Reise war das eine riesige Überwindung so direkt auf fremde Menschen zuzugehen, aber mit jedem Tag fiel es uns leichter. Leichter einfach, weil die Menschen so unerwartet gastfreundlich, hilfsbereit und einladend waren.

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So schonte diese Art des Übernachtens nicht nur unsere Reisekasse (weil wir beinahe täglich zum Essen eingeladen wurden), sondern bescherte uns auch tollste Kontakte mit unterschiedlichsten Menschen, beste Weiterreiseinformationen und überraschend viele Einblicke in das Leben der bereisten Länder. Wir entdeckten Länder auf eine Art die ich heute noch suche und liebe, mein Reisefieber hat definitiv ihren Ursprung in dieser Reise.

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Im Anschluss an diese Tour folgten diverse Touren durch Europa mit ständig verbesserter Ausrüstung (in die ich all mein Geld, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke investierte). Mit der dritten Tour entschied ich mich dann zu meiner ersten Alleinreise. Damals wollte ich austesten wie es ist, alleine unterwegs zu sein: alleine in einem fremden Land zu sein, alleine auf die Leute zugehen zu müssen, alle Entscheidungen selbst zu treffen und das alles auch zu verantworten. Ich habe es geliebt. Einige Jahre und diverse Touren später, änderte sich meine Familiensituation und für Radreisen war leider kein Platz mehr.

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Vor etwa 8 Jahren bin ich nun wieder aufs Rad gestiegen. Diesmal nicht mehr alleine, sondern gemeinsam mit Mieke. Zuerst jeder auf seinem Rad und später mit dem Tandem. Auf dem Tandem fahren wir bis heute, für uns die beste Art gemeinsam mit dem Rad zu reisen.

Den Unterschied zwischen damals und heute empfinde ich als recht groß. Es fällt mir schwer zu sagen ob alles besser oder schlechter geworden ist, so einfach ist es zum Glück nicht. Anders ist es, das ist sicher. Die Informationsverfügbarkeit ist gewaltig, so dass es schwer fällt wirklich Neues/Unbekanntes zu entdecken. War es für mich damals schon ein Abenteuer nach Frankreich (ein für mich bis dahin unbekanntes Land) zu fahren, können heute selbst die Carretera Austral in Chile, China oder das australische Outback nicht mehr wirklich überraschen. Verbrachte ich damals viel Zeit mit der Planung, der Informationsbeschaffung und der Vorfreude, erzählt mit heute Google alles in kürzester Zeit. Das spart natürlich enorm Zeit, trotzdem fehlt es mir ein bisschen, dieses Unbekannte und Überraschende.

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So versuchen wir heute die Tour gerade nicht zu detailliert zu planen. Einen Funken Überraschung und Flexibilität brauchen wir während der Reise einfach und weniger Planung hilft dabei enorm.

Auch die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich stark verändert. Habe ich früher genau 3 Postkarten, eine an meine Oma und 2 nach Hause während einer 7 wöchigen Tour geschrieben, ist heute unsere Familie deutlich besser informiert und reist teilweise ja fast mit (egal ob per email, Messenger oder sonstwie). Das ist wahrlich klasse und ich kann es heute sehr genießen, vor allem aber auch, weil ich mir die Freiheit nehme zu entscheiden, wann ich erreichbar bin. Ob ich das vor 30 Jahren auch so gesehen hätte, ist eine spannende Frage. Da hätte ich diese Kontaktmöglichkeiten, die ja auch Erwartungen weckt, eher als Kontrollwahn gewertet. Damals war mir das Gefühl der Selbständigkeit, Selbstbestimmtheit und Freiheit sehr wichtig, heute genieße ich die Reisezeit einfach und freue mich über die Teilnahme durch die Familie & CO. Vielleicht eine Erscheinung des Alters? 

Toll finde ich Ideen wie Warmshowers. Das gab es früher natürlich nicht, da musste man schon selbst sehr aktiv werden und mutig fragen um bei „wildfremden“ Menschen zu übernachten. Die vielen Nächte die ich im Garten von super netten Leuten im Zelt übernachtet habe, möchte ich nicht missen. Das war jeden Abend eine wahnsinnige Sucherei, mit vielen Absagen, aber es hat immer irgendwann funktioniert und sich absolut gelohnt. Diese Überwindung ist heute nicht nötig, sondern einfach über Warmshowers planbar. So wird auch diese Tür erheblich mehr Radlern geöffnet. 

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass früher deutlich weniger Radreisende unterwegs waren. Vielleicht täusche ich mich, aber aus meiner Sicht ist das Radreisen sehr viel einfacher geworden, so dass sich einfach mehr Leute trauen aufs Rad zu steigen. Und das ist ja auch wunderbar so. Alle sind erheblich informierter, die Technik ist ausgereifter (viele der heutigen Reiserädern eignen sich ja für wahre Expeditionen) und die Kommunikationsmöglichkeiten sind sehr umfassend. Die Touren sind bis ins Kleinste planbar und diese vielen Neuerungen können durchaus „Ängste“ abbauen. Frei nach dem Motto: “Wenn ich sehe, dass schon einige Radfahrer dieses Land besucht haben, sollte ich das doch wohl auch können“. Früher musste eine Spur mehr Abenteuerlust und Mut her um sich auf so manche Reise einzulassen. Das vermisse ich heute gerne mal, dennoch fühle ich immer noch ein Kribbeln beim Besuch eines neuen Landes.

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Wahrscheinlich lässt der „vernebelte“ Blick zurück vieles früher besser erscheinen, dabei ist es heute einfach nur anders und man muss, wie früher auch, seinen Weg suchen. Sicher hätte ich damals sehr gerne die heutigen Möglichkeiten gehabt, das hätte mir vieles erspart, aber so versuche ich heute mir die „Rosinen“ aus beiden Zeiten, oder vielleicht besser aus meinen Erfahrungen, heraus zu picken, was mir nicht immer gelingt. In jedem Fall liebe ich es heute genauso wie damals mit dem Rad unterwegs zu sein. Heute allerdings auf dem Tandem und immer zu zweit, im Gegensatz zu damals.

Herzliche Grüße

Niko

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