Sambia, der Nordwesten


Sambia, der Nordwesten bis Lusaka

Nach all den schwierigen Ländern von Westafrika, Nigeria, Kongo, Angola, sollte jetzt mit Sambia ein unproblematischeres Land kommen. In Sambia sind alle Straßen geteert, jedes Dorf hat Strom und Wasser – wurde mir gesagt. Alles wäre besser. Und war es wirklich so?

Der erste große Unterschied zu den vorherigen Ländern war, hier bekam ich direkt an der Grenze mein Visum. Ich wollte lieber nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre, wenn sie mich, wie in Mali, wieder zurück geschickt hätten. Die ganze Strecke wieder zurück. Nicht auszudenken.

So war ich sehr erleichtert, als ich das Visum im Pass hatte. Der Beamte meinte, in Sambia bekäme man an jeder Grenze ein Visum. Allerdings hatte er es hier nicht so oft mit Touristen zu tun. Woher sollten sie auch kommen?

Er meinte, ab jetzt wäre alles wieder gut. Es wären nur noch zehn Kilometer ungeteert, aber danach alles geteert.

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Machte das Spaß, mal wieder Rad zu fahren! Es gab sogar andere Fahrradfahrer.

Tatsächlich waren die Straßen ab Chavuma asphaltiert!

Als erstes wollte ich mir Sambisches Geld, Kwatcha, besorgen. Geldwechsler gab es an dieser Grenze natürlich nicht.

Weit außerhalb des Ortes war tatsächlich eine Bank. Allerdings gab es keinen Geldautomaten und Geld wurde auch nicht getauscht. Ich sollte es in einem Geschäft im Ort versuchen.

Dort wurden nur 50- oder 100 Dollar-Noten getauscht. Ich hatte aber nur 20 Dollar und kleiner. Es war nichts zu machen.

Ohne Geld machte ich mich auf den Weg nach Zambezi, etwa 80 Kilometer entfernt.

Das fing ja gut an. Ich hatte kaum mehr etwas zu essen. Wasser bekam ich an einem Brunnen.

Zum Übernachten wollte ich zu einer Mission. Die Nebenstraße war nicht geteert. Ich fragte einen Autofahrer, ob die Strecke sehr sandig würde. „Nein, nein, sie bleibt sehr fest, gut fahrbar“.

Nach zwei Kilometern stand ich im Sand.

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Das wollte ich mir jetzt unter keinen Umständen antun. Einen Schlafplatz fand ich auch in dieser Abgeschiedenheit. Am nächsten Morgen ging es zurück auf die Teerstraße.

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Wann hatte ich das letzte Mal einen Fahrradmechaniker gesehen?

Am Samstagvormittag kam ich in Zambezi an. Mein erster Gang: Krankenhaus. Sofort kam mir ein junger Mann, Josef, entgegen, fragte, ob er mir helfen könne. Der Arme. Wahrscheinlich hätte er mich das nicht gefragt, wenn er gewußt hätte, was auf ihn zukommen würde.

Zuerst wurden die Wunden wieder gereinigt und verbunden. Was mir sofort auffiel: Es gab Strom und Wasser. Das Licht brannte, obwohl es taghell war.

Ansonsten fehlte alles, vom Verbandsmaterial über die Schere bis hin zum Desinfektionsmittel. Ob diese Zustände so viel besser waren, als in Angola? Zum Glück hatte ich noch Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel.

Inzwischen rief Josef seinen Freund auf der Bank an. Sie hatten geöffnet und sie tauschten US Dollar.

Mit frisch verbundenen Wunden ging es hoffnungsvoll auf die Bank.

Leider tauschten auch sie US Dollar nur in gewissen Beträgen. Es war zum Heulen. Alle meine Scheine wurden durch einen Tester geschoben. Nur ein Fünf-Dollar-Schein wurde akzeptiert. Dies war noch mehr zum Heulen. Ich hatte Hunger und wollte endlich mal etwas einkaufen.

Der junge Mann von der Bank hatte wahrscheinlich Mitleid mit mir und tauschte mir eine 20-US-Dollar-Note, die nach ihrem Tester falsch sein sollte und die akzeptierte Fünf-Dollar-Note.

25 Dollar sollten in Sambia normalerweise für eine Weile reichen.

Als Erstes lud ich Josef in ein Café ein. Er hatte sich mittlerweile ein paar Stunden mit mir rumschlagen müssen.

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Josef verabschiedete sich. Ich blieb, diskutierte mit den Leuten meine weitere Strecke. Es war wirklich mühsam. Fragte ich drei Leute, bekam ich vier verschiedene Meinungen.

Auf jeden Fall war die Strecke, die ich fahren wollte, nicht geteert. Die Frage war nur, wie sandig sie war. Die geteerte Strecke war ein weiter Umweg und ich wollte doch so schnell wie möglich in Lusaka sein.

Ich musste wirklich einen erbärmlichen Eindruck gemacht haben. Ruth, die Besitzerin des Cafés lud mich ein, in ihrem Haus zu schlafen. Zuvor bekam ich Schima (Maisbrei) und Kasava-Blätter (das einzige „Gemüse“, das sie hatten) mit Huhn.

Ihr Ein-Zimmer-Haus stand im Garten ihrer Eltern.

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Es war eine typische Großfamilie. Unzählige Leute waren dort. Ruth überließ mir ihr Haus samt einer Tüte mit Softdrinks und Keksen.

Am nächsten Morgen war sie schon wieder im Laden. Sie arbeitete 12 bis 14 Stunden am Tag.

Ich wollte mich nur kurz verabschieden, bekam dann zum Abschied eine Tafel Schokolade! Meine erste Schokolade seit … , ich wusste es nicht mehr.

Wie kann ich mich bei Ruth jemals revanchieren?

Weiter ging es auf fantastischer Teerstraße


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Ich wusste es so richtig zu schätzen.

An der Abzweigung hörte tatsächlich der geniale Belag auf. Ich konnte aber noch gut fahren, also weiter.

Es wurde immer schwieriger. Ich überdachte meine Entscheidung, aber die Teerstraße führte zuerst nochmals Richtung Norden.

Also weiter im Sand. Ich hoffte, dass es wieder besser würde.

Als ein kleiner LKW hielt, der auch als Personentransport fungierte und ich gefragt wurde, ob ich mitfahren möchte, fackelte ich nicht lange. Sie wollten zuerst 150 Kwatchas. Ich hatte nur noch 100 und fragte, ob es in Luculu einen Geldautomaten gäbe. Sie meinten nur, ja ja, und luden schon mein Fahrrad auf die Laderampe. Später stellte sich heraus, sie wussten gar nicht, was ein Geldautomat ist.

Die Straße wurde wieder eine schlimme Sandpiste. Von wegen, in Sambia ist alles besser und die Straßen sind geteert.

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Auch hier werden die Einwohner mit Deutschen T-Shirts versorgt.

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Ja, da kamen schon Heimweh-Gedanken auf. Vor allem, da ich seit Wochen fast nur Shima, diese Pampe, und Kassava Blätter bekam.

Nach der Fähre stieg ein älterer Herr zu. Er sprach ausgesprochen gut Englisch. Peter war der Vater von Mike, dem Fahrer.

Vor nicht allzu langer Zeit waren hier Wahlen, natürlich mit Unruhen. Peter war überhaupt nicht gut auf den Präsidenten zu sprechen. Alles Geld würde nach Lusaka und in den Osten gesteckt, dahin, wo der Präsident herkam. Der Westen kann schauen, wo er bleibt. Darum sind die Straßen nicht geteert, es gibt in den Dörfern weder Wasser noch Strom und es mangelt an Lehrern.

Seiner Meinung nach waren die Wahlen nicht in Ordnung. Alle im Westen hätten gegen ihn gestimmt. Jetzt überlege sich der Westen, ob er sich nicht unabhängig vom Rest von Sambia machen solle.

Bevor wir in Luculu angekommen waren, fragte Peter, wo ich denn übernachten wolle. Natürlich hatte die Fahrt wieder die üblichen Stunden länger gedauert und es war schon dunkel. Ich meinte nur, ich wisse es nicht. Woraufhin er mich einlud.

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Er hatte mehrere Häuser. Ein größeres Haus, mit Strom, hatte er vermietet, um das Schulgeld für seine Kinder bezahlen zu können. Mit seinem Sohn und seiner Tochter, die hier in die Schule geht, wohnte er in eine kleine Hütte.

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Natürlich gab es in Lukulu keinen Geldautomaten. Es wollte auch niemand mehr Geld von mir. 

Dafür ließ ich einige meiner Sachen da.

Am nächsten Morgen packte ich. Aber es ging mir überhaupt nicht gut. Mir war es schlecht und ich war völlig energielos.

Peter schaute mich nur an und meinte, ich solle doch heute hier bleiben. Dazu musste er mich nicht lange überreden, ich legte mich gleich wieder hin.

Öffentliche Verkehrsmittel sind hier LKWs, die in die eine Richtung Waren transportieren und in die andere Leute mitnehmen, oder beides zusammen.

Peter und Mike erkundigten sich, wann am nächsten Tag ein LKW Richtung Kaoma fährt. Soweit war die Straße noch eine Sandpiste. Schon um 6 Uhr sollte einer fahren. Prima, dann kann ich vor Mittag in Kaoma sein, dachte ich. Mike und Peter brachten mich zu der Stelle, wo der LKW, der noch Zement geladen hatte, abfahren sollte.

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Jetzt fing das Warten an. Anstatt um 6 Uhr ging es um 10:30 los. Ich hatte nichts gefrühstückt, keinen Kaffee.  Und ich hatte kein Geld, um mir etwas zu kaufen.

Es war dann brütende Hitze, als es endlich auf die 195 Kilometer lange Strecke los ging. Es war unglaublich.

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So darf man in Deutschland nicht einmal Vieh transportieren. Es war gnadenlos heiß. Der LKW fuhr immer ein Stück, hielt dann wieder an, um Sachen, meist Stroh, Holzkohle oder Passagiere, aufzuladen. Die Hoffnung, dass wir noch bei Tageslicht ankämen, schwand dahin.

Da ich davon ausging, dass wir um die Mittagszeit ankommen, hatte ich kaum etwas zu trinken und nichts zu essen dabei.

Manchmal hielt der LKW an kleinen Märkten,

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aber ich hatte ja kein Geld. Mir ging es immer schlechter und ich versuchte mich irgendwie zusammengekrümmt hinzulegen. Unglaublich, dass das die normale Art zu Reisen für die Afrikaner ist.

So gegen 22 Uhr, es war schon dunkel, etwa 20 Kilometer vor Kaoma, hatte der LKW eine gebrochene Achse. Sie konnten heute nicht weiter fahren.

Ein junger Lehrer, der mich schon länger beobachtet haben musste, stoppte einen Jeep für uns und sorgte dafür, dass mein Fahrrad umgeladen wurde. In der totalen Dunkelheit hatte ich kaum etwas gesehen, ich ahnte nur, dass eine Tasche fehlte. Das war mir jetzt egal, ich wollte einfach nur weg und nach Kaoma. In der Tasche waren nur alte Dinge, die ich nicht unbedingt brauchte.

Nach der Fahrt auf dem LKW war der Sitzplatz hinten auf dem Jeep direkt Luxus. Sehr schnell waren wir in Kaoma. Marcel, der Lehrer, zeigte mir zuerst die Geldautomaten. Der erste funktionierte natürlich nicht, beim zweiten hatte ich mehr Glück.

Was für ein Gefühl, nach fünf Tagen endlich genug Geld in der Tasche zu haben! Danach klapperte er mit mir die Gasthäuser ab, bis wir ein Zimmer für mich gefunden hatten. Mittlerweile war es fast Mitternacht. Marcel war eine weitere Person, die mir so viel geholfen hat.

Von hier ab sollte nun wirklich bis Lusaka alles geteert sein. Dem war auch so.

Es ging durch den Kafue Nationalpark,

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wo ich bei netten Rangern zelten konnte.

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Außer den Affen sah ich allerdings keine Tiere.

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Am nächsten Abend versuchte ich herauszufinden, ob sie auch in Sambia einen „Chief of the Village“ haben. Und tatsächlich, es funktionierte. Ein junger Mann begleitete mich zu ihm.

„Nicht mehr weit, nicht mehr weit“, sagte er immer wieder. Nur, ich fand es inzwischen schon weit, und mir war es fast peinlich. Es ging weg von der Straße in den Busch, wo ein paar Männer unter einem Baum saßen und diskutierten.

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So lebt selbst der Chef des Dorfes im Westen von Sambia.

Auf gut geteerten Straßen, zwischen Baobab – Bäumen 

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ging es weiter Richtung Lusaka.

Langsam fing die Zivilisation und Einkaufsmöglichkeiten an.

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In Lusaka kam der wahre Kulturschock, eine Shopping-Mall nach der anderen. Und Weiße!

Wie geplant, traf ich trotz aller Widrigkeiten am Samstag, den  8. Oktober, bei Ed und Alex, meinen Warmshower-Gastgebern, ein. Marcelo, ein Radreisender aus El Salvador, war schon zu Gast.

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Er war der erste Fahrradfahrer seit Marokko, außer Ali aus Marokko in Mali, der mir begegnet war.

Am Montag, Tag des Abfluges, ging es mir wieder einmal so schlecht, ich konnte mich kaum bewegen. Marcelo packte mein Fahrrad in die Box.

Am Abend ging es zum Glück wieder etwas besser. Alex brachte mich auf den Flughafen.

Als Gepäck zum Aufgeben hatte ich nur meine Bike-Box. Außer meinem Fahrrad nahm ich nur ein paar Kleider mit. Alles andere konnte ich in Lusaka lassen.

Mein Fahrrad brauchte eine Generalüberholung, wie ich auch.

Nach stundenlangem Warten auf dem Flughafen, hieß es, wir können nicht fliegen. Etwas am Flugzeug wäre kaputt.

Alle Passagiere wurden nach und nach in das Interkontinental in Lusaka gebracht. Das war nun wirklich Luxus pur. Alles auf Kosten der Fluggesellschaft.

Es war allerdings lange nach Mitternacht, als ich dort mein Zimmer beziehen konnte. Dafür konnte ich dort den ganzen nächsten Tag verbringen.

Beim Frühstücksbuffet gingen mir die Augen über. Wie lange hatte ich schon keinen Käse und Schinken mehr gesehen? All das Obst und die Milchprodukte. Woher kam das alles auf einmal?

Ich musste an all die Einheimischen denken, die nicht einmal sauberes Trinkwasser haben.

Apropos Wasser, ein Schwimmbad gab es natürlich auch.

Erst am Nachmittag wurden wir wieder auf den Flughafen gebracht. Diesmal verlief alles reibungslos

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Adieu Lusaka. Zur Buchmesse und für Lesungen meines Buches flog ich für vier Wochen nach Deutschland zurück. Auch natürlich um mein Fahrrad und mich ein bisschen zu verwöhnen.

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